Architektur Reise: Lanzarote

Meine erste Reise in 2017 hat mich nach Lanzarote geführt. Mein Thema war das Werk von Cesar Manrique. Mir ist bisher kein anderer Mensch bekannt, der als Künstler und Architekt einen so prägenden und bis heute nachhaltigen Einfluss auf das äussere Erscheinungsbild eines Lebensraums ausgeübt hat. Auf Lanzarote geboren hat er als Künstler  früh einen eigenständigen und wieder erkennbaren Stil bei Bildern und Skulpturen entwickelt.

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Hierbei kam ihm zu Hilfe, dass Manrique seine Insel früh verlassen hat und u. a. in New York mit vielen wegweisenden Künstlern wie Andy Warhol oder Robert Rauschenberg Lebens- und Arbeitszeit verbracht hat.

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Ausgestattet mit diesem Renommée hat er seit seiner Rückkehr auf die Insel einiges bewirkt. Er hat eigene Projekte als Architekt, wie sein Wohnhaus (jetzt: Fundación César Manrique) und mehreren Vorhaben zur Entwicklung von Orten mit touristischen Interesse (z. B. den Aussichjtspunkt  Mirador del Rio oder die unterirdische Lava – Röhre Jameos del Agua) realisiert.

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Hierbei hat er auch in seiner Architektur einen eigenen Stil entwickelt, bei dem die grösstmöglichen Kontraste zw. dunkler und schroffer Lava und hellen und glatten Flächen viele seiner Räume prägen. Die Räume stehen in einem engen Dialog mit ihrer natürlichen Umgebung, und ihre amorphe Form hebt häufig die Trennung von Boden, Wand und Decke auf.
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Die aus meiner Sicht viel bedeutendere Leistung ist aber, dass er als Generalist den Blick für den gesamten Lebensraum beibehalten hat.
Diese Fähigkeit ist auf einer Vulkaninsel, mit hoher ökologische Sensibilität und ohne natürliche Gehölzvegetation elementar. Manrique hat es nicht nur geschafft, die lokalen Behörden davon zu überzeugen, erhebliche Teile der Insel unter strengen Naturschutz zu stellen. Ihm ist es auch gelungen, grosse Teile der Küste frei von Bebauung zu halten und eine Gebäudehöhe von max. 3 Geschossen dauerhaft zu fixieren.
Davon profitiert die Insel bis heute.
Beeindruckend und inspirierend.

 

Architektur Reise: England

Meine letzter Aufenthalt in England ist schon eine Weile her. Vor etwa 15 Jahren hatte ich drei Tage in London, um mir zeitgenössische Architektur in hoher Dosis zu verpassen.
Jetzt war ich im westlichen Umland von London unterwegs und musste meine Vorstellung von Reichtum substantiell revidieren. Mir ist schon seit längerem klar, dass die Kolonialisierung zu den Phasen der Menschheitsgeschichte gehört, in denen der grösste Reichtum angesammelt worden ist. Im westlichen Umland von London kann dieser Umstand vorzüglich in gebauter Realität bewundert werden.

Die Anlagen von Cliveden, Hedsor und Basildon sind Prototypen für eine Architektur und Gartengestaltung, wenn Menschen wirklich nicht mehr wissen wohin mit dem ganzen Geld.

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basildon vorneIronie der Geschichte ist, dass die Unterhaltungskosten von Cliveden und Basildon von den Nachkommen der Erbauer nicht mehr aufgebracht werden konnten und jetzt als Hotel (Cliveden) genutzt werden, bzw. in den National Trust (Basildon) zwecks Übertrag der Unkosten an die Allgemeinheit übergegangen sind. Einzig Hedsor ist noch im Privatbesitz, muss aber von den Eigentümern als Hochzeits – Location vermietet werden.

Gebaut: WCCB, World Congress Center in Bonn

Endlich ist mein bisher grösstes und längstes Projekt, das World Congress Center in Bonn, fertig. Endlich gab es im Oktober gutes Licht für ansprechende Fotos.

Das World Congress Center wurde auf eine Gesamt – Fläche von ca. 26.000 qm realisiert, um den benachbarten Vereinten Nationen in Bonn adäquate Räumlichkeiten für diverse Kongresse anbieten zu können. Die von mir geplanten Freianlagen und Verkehrsflächen haben eine Grösse von ca. 14.500 qm.

brd-bonn-16-10-1-von-6Das Vorhaben stand nach einem Konkurs – und dem darauf folgenden Heimfall zurück an die Stadt Bonn – im öffentlichen Fokus. Bedingt durch diesen Umstand, die Hinzuziehung einer Projektsteuerers und die Prüfung durch das Rechnungsprüfungsamt ist der Planungsaufwand erheblich gewesen. brd-bonn-16-10-2-von-6Der wichtigste Lerneffekt ist aber, dass ein beinahe fertiggestelltes Gebäude, welches neu, schön und fertig erscheint, eben genau das nicht ist. Die mitverarbeitete vorhandene Bausubstanz hatte hier eine erhebliche und von vielen Beteiligten unterschätzte Dimension. brd-bonn-16-10-3-von-6Nichts desto Trotz bin ich meiner selbst auferlegten Bauleiterehre gerecht geworden und habe meinen Beitrag zur Fertigstellung geleistet. Ich habe alleine ca. 2 Mio Euro Bausumme geplant und gebauleitet. Dabei habe ich viel gelernt und einige Dinge in meinen Büroabläufen verbessert. brd-bonn-16-10-4-von-6Meine Lieblingsverbesserungen sind:
–  die Einführung eines einzigen Dokuments für das fortlaufende Bautagebuch / Protokoll, um im Falle einer Suche, diese eben nur in einem Dokument machen zu müssen
– die Verwendung eines Pads für den Polier, dem ich geänderte Pläne in Sekunden als JPG´s direkt von meinem Rechner auf das Pad gespielt habe. brd-bonn-16-10-5-von-6Das städtebauliche Gesamtkonzept UN Campus war ein Wettbewerbsbeitrag und – gewinn von Yes Architekten, München mit den Landschaftsarchitekten Scape, Düsseldorf.

Die Ausführungsplanung und Bauleitung der Architektur WCCB vor dem Heimfall stammt von Hong Architekten, Berlin.

Die Ausführungsplanung und Bauleitung der Architektur WCCB nach dem Heimfall stammt von Heinle, Wischer und Partner, Köln.

Die Ausführungsplanung und Bauleitung der Freianlagen Hotel stammt von Göppner, Sinzig.

Die Ausführungsplanung und Bauleitung der Freianlagen Mercatorplatz stammt von Scape, Düsseldorf.

Die Freianlagen WCCB, Hotel und Mercatorplatz wurden von der Firma Grünbau, Remagen ausgeführt.brd-bonn-16-10-6-von-6

Pollerforschung, ein Gespräch mit Helmut Höge

TAZ (Die Tageszeitung) – Kantine, Terrasse, September, 30°, Helmut Höge, sehr elegant im hellen Anzug, sitzt mir gegenüber, um mit mir über Poller zu sprechen.

Helmut Höge ist nicht nur bekennender, sondern auch anerkannter Pollerforscher, ein nahezu sicheres Alleinstellungsmerkmal.

Angefangen hat das alles zu alten West – Berliner Vorwendezeiten bei einer Debatte über den damals noch sehr tiefen Berliner Korruptions – Sumpf und die Rolle, die Poller im Zusammenhang mit Weihnachtspräsenten für Berliner Tiefbauämter haben könnten.
Helmut Höge hatte bis dahin noch nie einen Poller gesehen – genauer gesagt wahrgenommen. Aber dieser erste bewusste Anblick muss wie ein Blitz eingeschlagen sein. Ab sofort waren Urlaubsbilder von Bergen, Seen oder Plätzen passé. Ab sofort wurden nur noch Poller gesehen und fotografiert.

Als Redakteur, Blogger und Hausmeister (er trägt u. a. auch die Verantwortung für die Dach- und Fassadenbegrünung) des Verlagsgebäudes der links – alternativen TAZ gab es jetzt natürlich zahlreiche Möglichkeiten die Poller – Passion in den beruflichen Alltag zu integrieren.

Im sogenannten Hausmeisterblog der TAZ wurden Anekdoten über das Berlin – Kreuzberger – Leben publiziert, die auch mal die Länge eines Taschenbuchs haben konnten. In diese Texte eingestreute Poller – Abbildungen dienten als stilistischer roter Faden, der das ganze formal zusammen hielt. Leser und befeundete Künstler, wie z. B. Peter Grosse oder Dida Zende, unterstützten den Autor mit Bildmaterial, welches aus der ganzen Welt zusammen getragen wurde.

raumarchitektur-poller-hausmeisterkunst-aDas Sammeln von Bildern ist natürlich noch keine Wissenschaft. Helmut Höge erzählt:
Der Urpoller kommt  aus der Seefahrt und diente zum vertäuen und fixieren von Schiffen an den Anlegekais der Häfen. Das Thema Barriere hat hier noch gar keine Bedeutung.
Der Poller im urbanen Raum dürfte eher der Familie der Einfriedungen (Zäune) entstammen (Zaunpfosten = Poller) und hat sich dann verselbstständigt.

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Ein Erklärungsansatz ist, dass wenn es in früherer Zeit im öffentlichen Raum etwas zu regulieren gab, dieses eher zwischenmenschlich durch Familie oder Ordnungshüter in Form von Erziehung erfolgt ist (in vielen Ländern mit noch autoritären Erziehungsstrukturen sind Poller weitgehend unbekannt). Da die sozialer Kontrolle untereinander im urbanen Raum immer mehr erodiert, kamen dann die Poller als quasi mechanische Ersatz – Ordnungshüter in´s Spiel.
Da es sich bei die Regulierungswut des Menschen offenbar um einen Urtrieb handelt, war der Siegeszug des Pollers unaufhaltbar.
Der Neid als weiterer Urtrieb wird durch den Poller ebenfalls vortrefflich befriedigt. Gerade weil es sich um ein völlig sinnfreies Produkt handelt, fragen sich Menschen: warum haben die im Nachbarbezirk Poller und wir nicht (so geschehen, in der Nachwendezeit als der weitgehend pollerfreie Bezirk Treptow genauso schöne Poller wie der Bezirk Kreuzberg haben wollte und auch bekam).
Die Phantasie bei der Formenfindung ist quasi unbegrenzt. Helmut Höges Lieblingsbeispiel sind bepflanzte Ölfässer in Kairo, die – wenn sich der Bedarf der Regulierung erledigt hat – auch wieder zur Seite gewuchtet werden können (in seiner Funktion quasi ein Vorläufer der neusten Errungenschaft: der versenkbare Automatik – Poller).

raumarchitektur-poller-hausmeisterkunst-bEs gibt aber auch Begleiterscheinungen mit denen niemand rechnen konnte. Helmut Höge hat im Rahmen seiner umfangreichen Feldforschungen herausgefunden, dass sich in unmittelbarer Nähe eines Poller – aufgrund der geringen Trittbelastung durch die Fussgänger – Kleinstbiotope mit einer erstaunlich wertvollen Vegetation entwickeln.
Die bedeutende norddeutsche Leitmedium Travemünde Aktuell hat diesem Phänomen am 10.09.2012 sogar einen wunderbaren Leitartikel gewidmet.   raumarchitektur-travemuende-aktuellDas Ganze hat selbstredend natürlich auch in den universitären Forschungsbetrieb Einzug gehalten. An der Universität Siegen hat es die Pollerforschung zwar noch nicht zu einer eigenständigen Fakultät geschafft, aber eine Abschlussarbeit des Absolventen Phillip Goll belegt die enorme Bedeutung und Zukunftsperspektive dieses Forschungsgebietes.

Ich hatte sehr viel Spass und bedanke mich herzlich für dieses Gespräch.
Wunderbar, dafür liebe ich meine Stadt und ihre Menschen.

Planung und Kunst ohne Widerspruch, PanoramaKarten von Heinrich C. Berann

Ich musste im September mal wieder in die Berge und bin im Sustental in der Zentralschweiz auf einen Artikel über Heinrich C. Berann gestossen.

berann jungfraubahnDas hat dann bei mir dann gleich mehrere „Déjà vus“ ausgelöst. Da ich schon sehr früh das Skifahren erlernen durfte, bin ich mit sogenannten Panoramakarten nicht nur sozialisiert. Diese Karten haben mich ein Leben lang begleitet. Mir war dabei gar nicht klar, dass es einen Erfinder dieser Karten gibt.

berann everestFür mich sind diese Karten die perfekte Symbiose zwischen Information (Planung) und Inspiration (Kunst). Die Karten sind so sehr detailverliebt, dass ich mir einzelne Exemplare den ganzen Tag lang anschauen könnte. Heinrich C. Berann hat nicht nur fast die gesamte Schweiz auf Panoramakarten verewigt. Es gibt unter anderem auch Karten des Himalayas und amerikanischer Nationalparks, Karten diverser Olympischer Spiele und Karten der Ozeane. Eine wunderbare Übersicht über das Gesamtwerk finden Sie hier.

berann europaIm September 2014 hat die Deutsche Gesellschaft für Kartographie einen sehr schönen Artikel über Panoramakarten im Allgemeinen und den Karten von Heinrich C. Berann im Besonderen veröffentlicht.

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