Ein Gespräch mit dem Pollerforscher Helmut Höge

Mittwoch, 19. Oktober 2016 00:00

TAZ (Die Tageszeitung) - Kantine, Terrasse, September, 30°, Helmut Höge, sehr elegant im hellen Anzug, sitzt mir gegenüber, um mit mir über Poller zu sprechen.

Helmut Höge ist nicht nur bekennender, sondern auch anerkannter Pollerforscher, ein nahezu sicheres Alleinstellungsmerkmal. Angefangen hat das alles zu alten West - Berliner Vorwendezeiten bei einer Debatte über den damals noch sehr tiefen Berliner Korruption - Sumpf und die Rolle, die Poller im Zusammenhang mit Weihnachtspräsenten für Berliner Tiefbauämter haben könnten.

Helmut Höge hatte bis dahin noch nie einen Poller gesehen - genauer gesagt wahrgenommen. Aber dieser erste bewusste Anblick muss wie ein Blitz eingeschlagen sein.

Ab sofort waren Urlaubsbilder von Bergen, Seen oder Plätzen passé. Jetzt wurden nur noch Poller gesehen und fotografiert. Als Redakteur, Blogger und Hausmeister (er trägt u. a. auch die Verantwortung für die Dach- und Fassadenbegrünung) des Verlagsgebäudes der links - alternativen TAZ gab es jetzt natürlich zahlreiche Möglichkeiten die Poller - Passion in den beruflichen Alltag zu integrieren.

Im sogenannten Hausmeisterblog der TAZ wurden Anekdoten über das Berlin - Kreuzberger - Leben publiziert, die auch mal die Länge eines Taschenbuchs haben konnten. In diese Texte eingestreute Poller - Abbildungen dienten als stilistischer roter Faden, der das ganze formal zusammen hielt. Leser und befreundete Künstler, wie z. B. Peter Grosse oder Dida Zende, unterstützten den Autor mit Bildmaterial, welches aus der ganzen Welt zusammen getragen wurde. Das Sammeln von Bildern ist natürlich noch keine Wissenschaft.

Helmut Höge erzählt: Der Urpoller kommt  aus der Seefahrt und diente zum vertäuen und fixieren von Schiffen an den Anlegekais der Häfen. Das Thema Barriere hat hier noch gar keine Bedeutung. Der Poller im urbanen Raum dürfte eher der Familie der Einfriedungen (Zäune) entstammen (Zaunpfosten = Poller) und hat sich dann verselbstständigt.  Ein Erklärungsansatz ist, dass wenn es in früherer Zeit im öffentlichen Raum etwas zu regulieren gab, dieses eher zwischenmenschlich durch Familie oder Ordnungshüter in Form von Erziehung erfolgt ist (in vielen Ländern mit noch autoritären Erziehungsstrukturen sind Poller weitgehend unbekannt). Da die sozialer Kontrolle untereinander im urbanen Raum immer mehr erodiert, kamen dann die Poller als quasi mechanische Ersatz - Ordnungshüter in´s Spiel.


Da es sich bei die Regulierungswut des Menschen offenbar um einen Urtrieb handelt, war der Siegeszug des Pollers unaufhaltbar. Der Neid als weiterer Urtrieb wird durch den Poller ebenfalls vortrefflich befriedigt. Gerade weil es sich um ein völlig sinnfreies Produkt handelt, fragen sich Menschen: warum haben die im Nachbarbezirk Poller und wir nicht (so geschehen, in der Nachwendezeit als der weitgehend pollerfreie Bezirk Treptow genauso schöne Poller wie der Bezirk Kreuzberg haben wollte und auch bekam).

Die Phantasie bei der Formenfindung ist quasi unbegrenzt. Helmut Höges Lieblingsbeispiel sind bepflanzte Ölfässer in Kairo, die - wenn sich der Bedarf der Regulierung erledigt hat - auch wieder zur Seite gewuchtet werden können (in seiner Funktion quasi ein Vorläufer der neusten Errungenschaft: der versenkbare Automatik - Poller).

Es gibt aber auch Begleiterscheinungen mit denen niemand rechnen konnte. Helmut Höge hat im Rahmen seiner umfangreichen Feldforschungen herausgefunden, dass sich in unmittelbarer Nähe eines Poller - aufgrund der geringen Trittbelastung durch die Fussgänger - Kleinstbiotope mit einer erstaunlich wertvollen Vegetation entwickeln. Die bedeutende norddeutsche Leitmedium Travemünde Aktuell hat diesem Phänomen am 10.09.2012 sogar einen wunderbaren Leitartikel gewidmet.

Das Ganze hat selbstredend natürlich auch in den universitären Forschungsbetrieb Einzug gehalten. An der Universität Siegen hat es die Pollerforschung zwar noch nicht zu einer eigenständigen Fakultät geschafft, aber eine Abschlussarbeit des Absolventen Phillip Goll belegt die enorme Bedeutung und Zukunftsperspektive dieses Forschungsgebietes. Ich hatte sehr viel Spass und bedanke mich herzlich für dieses Gespräch.

Wunderbar, dafür liebe ich meine Stadt und ihre Menschen.